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Die Geschichte von Martha, einer Afrodeutschen in Ostdeutschland

Martha und ihre Familie in der ehemaligen DDR

Martha, 32, ist in Weimar geboren, einer kleinen Stadt mit 65.000 Einwohnern in Ostdeutschland. Sie war erst 4 Jahre alt, als die Wiedervereinigung stattfand. Seit dem Fall der Mauer hat sich das Leben ihrer Familie komplett verändert. Zum ersten Mal konnte ihre Mutter nach Westeuropa reisen, den ersten großen Familienurlaub verbrachten sie in Spanien.

Einige Bürger*innen bleiben jedoch nostalgisch für die ehemalige DDR; aus welchen Gründen sind sie nostalgisch? Dieser repressive Staat war auch ein sozialistischer Staat, da die Regierung jedem Bürger Beschäftigung und Wohnung garantierte. Heute ist das nicht mehr der Fall, das kapitalistische System hat die Arbeiterklasse hart getroffen und diese Menschen fühlen sich ausgeschlossen. Es ereignete sich in dieser ehemaligen DDR, wo sie vor über 30 Jahren geboren wurde, eine Liebesgeschichte zwischen Marthas Eltern.

 

Martha in Berlin
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Martha’s Porträt in Berlin

Liebe in Schwarz-Weiß zu DDR-Zeiten

Ihr Vater kommt aus Sambia. Er bekam ein Stipendium für ein Ingenieurstudium in Weimar. Obwohl Sambia offiziell kein alliiertes Land der UdSSR war, gab es eine diplomatische Partnerschaft zwischen der DDR und Sambia. Dies gab Hunderten von sambischen Studenten die Möglichkeit, in der ehemaligen DDR zu studieren, wobei der Schwerpunkt auf Ingenieurstudiengängen, wie Maschinenbau lag. Ihre Mutter arbeitete in einem Studentenwohnheim, welches auch eine Sprachschule besaß als Pädagogin und Deutschlehrerin. Sie begegneten sich dort und verliebten sich.

Ein deutsch-afrikanisches Paar zu dieser Zeit zu sein, war jedoch selten und wurde als etwas Negatives und Verbotenes wahrgenommen. Manchmal, wenn sie in der Öffentlichkeit waren, gab ihre Mutter vor, Marthas Vater eine Stadtführung zu geben, um die Dinge einfacher zu machen. Ihr Großvater war nie gegen diese Beziehung, er wusste jedoch, was die Familie und sie erwarten wird, die vielen Hindernisse, die es zu überwinden gilt.

Leider wurde ihr Vater 6 Monate nach Marthas Geburt und dem Ende seines Studienaufenthalts aus der DDR ausgewiesen und er musste nach Sambia zurückkehren. Eine Heirat zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater wurde vom DDR Staat verboten.  Nach Abschluss des Studiums, konnten die Ausländische Studenten unter keinen Umständen ihren Aufenthalt in Deutschland verlängern. Es gab keine Aussicht auf eine Zukunft: keine Papiere, keine Aufenthaltserlaubnis, keine Einbürgerung und keine Anerkennung ihres Studiums. Ihre Mutter durfte nicht aus der DDR oder der UdSSR ausreisen. Deshalb mussten sie sich trennen.

Dank ihrer Mutter, hat Martha jedoch nie den Kontakt zu ihrem Vater verloren. In den 1990er Jahren, nach der Wiedervereinigung, besuchte ihr Vater sie in Deutschland und musste wieder abreisen, weil er als Soldat nur für eine begrenzte Zeit vom Armeedienst in Sambia eine Beurlaubung bekam. Diese Beziehungen, die der Staat unmöglich machte, beraubte einigen Kindern eines ihrer Elternteile. Ohne beide Elternteile aufzuwachsen ist nicht einfach, vor allem, wenn man in den 1990er Jahren in Ostdeutschland afrodeutsch ist.

Aufwachsen in Weimar als Afrodeutsche nach dem Mauerfall

Es gab nur wenige binationale Familien, in den meisten Fällen fehlte ein Elternteil. Während Marthas Kindheit waren rassistische Beleidigungen weit verbreitet. Menschen imitierten die Schreie der Affen, zogen ihre Haare, nannten sie „Buschfrau“. Es gab auch Zeiten, in denen sie und ihre Freunde von Neonazis gejagt wurden. Aber zum Glück ist nie etwas Ernstes passiert. „Der Vorteil von Kleinstädten ist, dass wir aufeinander aufpassen, und ich hatte auch viel Glück“, sagt sie. Angesichts dieser Situation haben ihr Großvater, ihre Mutter und ihr älterer Bruder sie immer unterstützt und wollten, dass sie sich auf positive Dinge konzentriert.

Ihre Mutter fand immer einen guten Weg, Martha Selbstvertrauen zu geben, damit sie sich schön, stark und intelligent fühlt. Jedes Mal, wenn ein Schwarzer im Fernsehen war, es musste nicht unbedingt ein Sportler oder Künstler sein, rief ihre Mutter Martha ins Wohnzimmer. Die Repräsentation von Menschen mit afrikanischen Wurzeln in Deutschland in den 1990er Jahren war im Prinzip nicht vorhanden. Es war ein Weg für ihre Mutter, ihr Vorbilder zu zeigen, von Menschen mit afrikanischen Wurzeln, außerhalb von Sport und Musik.

Martha konnte sich auch auf das Tagebuch ihres Vaters verlassen. Er erzählt ihr darin die Geschichte ihrer Familie in Sambia und von den Schwierigkeiten, mit denen sie als schwarze Frau in Zukunft zu kämpfen haben würde. So fand sie mit dieser Form der mentalen Unterstützung ihres Vaters Trost. Aber auch andere Menschen gaben ihr Kraft. Sobald es in ihrer Stadt eine Neonazi-Demonstration gab, nahm der Bürgermeister, die Zivilgesellschaft und ihr Freundeskreis ganz selbstverständlich an Anti-Nazi-Demonstrationen teil. Trotz der Tatsache, dass ein Teil der Bevölkerung gegen diese Fremdenfeindlichkeit eintritt, findet sie es dennoch ambivalent, von der Feindseligkeit der einen und der Unterstützung der anderen umgeben zu sein. Deshalb will sie mit ihrer Arbeit etwas verändern.

Bildung, eine Priorität und Berufung für Martha

Neben ihrem Studium arbeitet sie als freiberufliche Bildungsreferentin in der politischen Jugendbildung und leitet Seminare. Junge Menschen aus ganz Europa kommen in Begleitung ihrer Lehrer*innen zu Seminaren, die ein breites Themenspektrum abdecken: Menschenrechte, Migration, Demokratie. Es ist Teil der non-formalen und außerschulischen Bildung, die Martha bevorzugt. Formale Bildung ist Bildung, die in der Schule stattfindet. Die non-formale Bildung zielt darauf ab, den Teilnehmenden zu aktiven Bürger*innen mit Demokratiebewusstsein auszubilden. Was ihr gefällt, sind die angewandten Lernmethoden, das kreative Arbeitsumfeld mit vielen Herausforderungen. Das letzte Projekt, an dem sie arbeitete, war ein Projekt zu Postkolonialismus.

Nach ihrem Bachelorstudium arbeitete sie zwei Jahre lang als zusätzliche Lehrkraft an einer Hauptschule. Dennoch ist ein Master of Arts erforderlich, um eine Vollzeitstelle in ihrem angestrebten Berufsfeld zu erhalten. Sie hat deshalb ein Masterstudium begonnen und studiert derzeit an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft. Martha will sich engagieren, um den Dialog in der Gesellschaft zu fördern. „Der Dialog ist wirklich wichtig, weil unsere Demokratien so zerbrechlich sind“, sagt sie. Es geht darum, für die eigenen Rechte einzutreten, die Bürger*innen oft für selbstverständlich halten. Laut Martha ist dies der beste Weg, um Intoleranz, Vorurteile und Diskriminierung zu bekämpfen. Die Finanzierung von Projekten ist jedoch eine ständige Herausforderung. Dies hält sie jedoch nicht davon ab, diesen Weg fortzusetzen. Sie glaubt, dass sie eine positive Veränderung bewirken kann. Ihre Mutter, ihre Arbeitgeber*innen waren eine große Quelle der Inspiration für diese Arbeit. Und sie wiederum möchte inspirieren.

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